Anaklia

Die Region blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück, die von antiken Siedlungen der Kolchis-Kultur über mittelalterliche Befestigungen bis hin zur osmanischen und russischen Fremdherrschaft reicht. Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannten Ingenieure und Ozeanografen des damaligen Staatsapparates das außergewöhnliche Potenzial des Küstenstreifens für die maritime Infrastruktur. Erste konkrete Pläne für ein logistisches Großprojekt wurden geschmiedet und in den 1960er und 1970er Jahren durch Vorstudien untermauert, blieben jedoch aufgrund des späteren Zusammenbruchs des politischen Systems über Jahrzehnte in den Schubladen liegen. Nach der Jahrtausendwende erlebte der Ort eine radikale, aber kurzlebige Transformation. Im Zuge staatlicher Modernisierungsinitiativen sollte hier eine futuristische Planstadt entstehen. Promenaden, Luxushotels und markante architektonische Wahrzeichen wurden in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft, um die Region als touristischen Hotspot und wirtschaftliche Sonderzone zu etablieren.

Die Dynamik wechselte in den letzten anderthalb Jahrzehnten drastisch. Nach einem Regierungswechsel in den 2012er-Jahren wurden die ambitionierten Pläne der Vorgängerregierung zunächst gestoppt. Wenige Jahre später wurde das Projekt als strategischer Knotenpunkt der „Neuen Seidenstraße“ wiederbelebt. Ein westlich geführtes Konsortium begann mit schweren Erdarbeiten und der Marinesand-Aufschüttung. Aufgrund heftiger politischer Verwerfungen, gegenseitiger Sabotagevorwürfe und Finanzierungsstreitigkeiten zwischen den Investoren und dem Staat wurde der Vertrag um das Jahr 2020 herum jedoch fristlos gekündigt. Die Baustelle fror schlagartig ein. In jüngerer Zeit wurden die Karten neu gemischt: Die Rechte zur Weiterführung und zum Management der Infrastruktur wurden an ein Konsortium mit fernöstlicher Beteiligung vergeben, während die maritime Umsetzung an einen spezialisierten europäischen Wasserbauer übertragen wurde.
Das gesamte Areal gleicht heute einer bizarren Mischung aus unvollendetem High-Tech-Hafen und einer touristischen Geisterstadt. Neben den riesigen, kargen Sandflächen des Hafengeländes verfallen die in den Boomjahren errichteten Luxushotels, Clubs und Apartments. Markante architektonische Elemente – wie eine zerfallende, ehemals futuristische Holzbrücke über den Fluss – prägen die Kulisse und machen die Location zu einem Hotspot für morbide Fotografie, an dem der abrupte Stopp eines Milliarden-Investments physisch greifbar ist.

Tower
An einer strategisch wichtigen Flussmündung des Schwarzen Meeres steht ein bizarres Monument der Postmoderne. Als Symbol für den rasanten wirtschaftlichen Aufbruch einer ganzen Region geplant, zieht das Bauwerk heute vor allem Lost-Place-Enthusiasten an. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie kühne Zukunftsvisionen von der Realität eingeholt werden.
Das Bauwerk wurde im Zuge eines massiven regionalen Strukturprogramms von einem renommierten deutschen Architekturbüro entworfen. Ziel war es, ein architektonisches Ausrufezeichen an einer zuvor unberührten Küste zu setzen. Das Bauwerk ragt rund 75 Meter in den Himmel. Geplant als multifunktionaler Komplex. Die oberen Etagen sollten ein exklusives Restaurant mit 360-Grad-Panorama-Plattform beherbergen, während die Basis für touristische Infrastruktur vorgesehen war. Eine geschwungene Fußgängerbrücke aus Glas, Holz und Stahl verbindet das Areal direkt mit der angrenzenden Küstenpromenade.

Die feierliche Eröffnung liegt nur wenige Jahre zurück, doch der Glanz hielt nicht lange. Durch politische Umbrüche, den Stopp von Großprojekten in der unmittelbaren Umgebung und ausbleibende Investoren versiegten die Gelder für den laufenden Betrieb im Rekordtempo. Heute steht der Turm komplett leer. Das subtropische, feuchte Meeresklima setzt der Bausubstanz massiv zu. Im Inneren sind die futuristischen Räume komplett entkernt, von Vandalismus gezeichnet und dem Verfall preisgegeben. Die Panoramafenster bieten statt Luxusflair nur noch einen melancholischen Blick auf eine unvollendete Zukunft.

Hotel „Golden Fleece“
Ein weiteres Zeichen dieses Niedergangs ist das Hotel. Das Megaprojekt wurde im Zuge einer großflächigen, politisch motivierten Strukturreform aus dem Boden gestampft. Die Vision war es, ein unbedeutendes Küstendorf innerhalb kürzester Zeit in ein exklusives High-End-Urlaubsressort und ein logistisches Drehkreuz zu verwandeln. Zur Eröffnung wurde das Resort mit internationaler Presse und Pomp als neue Top-Destination gefeiert. Doch der Glanz wog trügerisch. Ein politischer Machtwechsel im Land führte dazu, dass fast alle Folgeprojekte, darunter die geplante Infrastruktur und ein nahegelegener Tiefseehafen, komplett gestoppt wurden. Nach einer Phase des schleichenden Niedergangs und den weltweiten pandemischen Reisebeschränkungen geriet das Hotel endgültig in die wirtschaftliche Schieflage und schloss für immer seine Pforten.

Das Bauwerk bricht radikal mit traditionellen Stilen und setzt voll auf futuristische, fast schon protzige Postmoderne. Ein massiver, stufenförmiger, pyramidenartiger Komplex mit insgesamt 9 Etagen, der direkt an den Strand gebaut wurde. Konzipiert als 5-Sterne-Resort mit über 100 ultramodernen Zimmern und Suiten. Die opulente Architektur bot Platz für weitläufige Restaurantbereiche, Casinos, Diskotheken sowie insgesamt 4 miteinander verbundene Poolanlagen im Innen- und Außenbereich. Die Fassade wird dominiert von markanten, Balkonkonstruktionen aus Glas und Stahl, die jedem Gast einen direkten, unverbauten Meerblick bieten sollten. Das Foyer war einst für seinen riesigen, extravaganten Swarovski-Kronleuchter bekannt. Heute regiert im einstigen Luxustempel die absolute Leere. Während der Strandabschnitt davor langsam verwildert und gelegentlich von frei herumlaufendem Vieh als Weide genutzt wird, nagt das subtropische Meeresklima unbarmherzig an der Substanz. Die riesigen, leeren Poolbecken füllen sich bei Regen mit Brackwasser und bilden eine postapokalyptische Kulisse, die in starkem Kontrast zu den noch erkennbaren Palmenreihen der Promenade steht.

Amphietheater

Auch hier ist schon lange kein Leben mehr. Das Meer knabbert auch schon an den Fundamenten.